Reisebericht Enniger hilft Kindern 2005
Vier LKW und ein Wohnmobil vor dem Start
In der vergangenen Woche wurde von vielen fleißigen Helfern der
Schützenbruderschaft das Material und die Hilfsgüter
für die 8. Fahrt der "Roten Engel" verladen. Nun stehen
über30 Tonnen Lebensmittel, mehr als 1.500 Kleiderpakete
für Familien und Kinder und eine komplette Kleinbäckerei,sowie 2
Materialcontainer zur Abfahrt bereit:
Das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen der letzten 2 Jahre!

Vor der Abfahrt: Das traditionelle Gruppenfoto
Nach einem letzten gemeinsamen Kaffeetrinken mit den Familienangehörigen stellen sich die Rumänienfahrer zum Gruppenfoto auf. Noch sehen die "Roten Engel" ausgeschlafen und erholt aus. Die nächsten 9 Tage werden ihnen viel abverlangen.

Bewegender Abschied
Es ist schon gute alte Tradition: Punkt 17:00 Uhr startet Rudolf
Fissahn das Wohnmobil - genannt "Nasenbär" - und gibt damit
das Zeichen für den Start zu den insgesamt 2.400 km in Richtung Donaudelta.
Zuvor haben sich alle Fahrer von ihren
Familien verabschiedet. Da wird umarmt, geweint und beste Wünsche
werden mitunter sorgenvoll auf den Weg gegeben.
Unter Beteiligung vieler Bewohner und Bewohnerinnen des Dorfes und
der vielen Menschen, die die Rumänienhilfe so
stark unterstützt haben, setzt sich der Konvoi in Bewegung.

Bayerische Brotzeit
Gegen 22:30 Uhr gibt es mitten in Franken die erste deftige Brotzeit.
Der Hilfskonvoi liegt gut in der Zeit und hat wie
vorgesehen ordentlich Kilometer gemacht. Bevor die Nachtschicht sich
zur Grenzüberquerung zu
Österreich bereit macht, werden die gut belegten Baguettes dankbar
in nächtlicher Kälte verzehrt.

An Ungarn´s Grenze
Nach ruhiger und zügiger Nachtfahrt erreicht der Konvoi die österreichisch-ungarische
Grenze um 8:00 Uhr morgens.
Die Zollformalitäten werden beim neuen EU Mitglied zügig und professionell
erledigt, so dass der Tross sich schon
um kurz vor 9:00 Uhr daran machen kann, die Republik Ungarn zu durchqueren.
Noch nie ist es einer unserer
Rumänienfahrten gelungen, so schnell die Grenze bei Nickelsdorf zu
überqueren. Gegen 11:00 Uhr werden Sanitäranlagen
angesteuert und es sitzen wieder Menschen am Steuer.
Die Stimmung ist gelassen und äußerst harmonisch.

Deutliche Verzögerung an der nächsten Grenze
Womit nicht gerechnet wurde: Die Ausreise aus Ungarn gestaltet sich
ungewöhnlich lange. Bereits 15:30 Uhr erreicht
der Hilfskonvoi die ungarisch-rumänische bei Nagylak - Arad.
Obwohl alle Papiere in Ordnung sind verzögert sich die Ausreiseprozedur
enorm, da die ungarischen Behörden
dem Verkehrsaufkommen nicht gewachsen sind und zeitweilig die Software
abgestürzt ist. Erst um 19:00 Uhr erreichen
alle LKW das Abfertigungsgelände des rumänischen Zolls.
Hier wird naturgemäß mit größeren Schwierigkeiten gerechnet, so daß
sich die gesamte Hilfsmannschaft auf einen längeren Aufenthalt einrichtet.
Während die einen die Verhandlungen mit den Zollbehörden führen,
bereiten die anderen mit Andreas Spitthöver die erste warme
Mahlzeit vor. Allen geht es gut, und die Stimmung ist hervorragend.
Nagylak, den 23.04.05 20:30 Uhr MESZ

So schnell ging´s noch nie!
Eigentlich hatten sich alle auf die üblichen Verzögerungen an der rumänischen Grenze eingestellt: eine Wagenburg wurde aufgestellt, die erste warme Mahlzeit vorbereitet - und dann geht alles ganz schnell . . . Die kleine Verhandlungsgruppe kommt vom Zollgebäude zurück. Alle Stempel und erforderlichen Dokumente sind erteilt. Der Zoll hat den ganzen Konvoi freigegeben. Nach noch nicht einmal zwei Stunden! Rekordzeit!! Die Vermittlung einer befreundeten Rumänin im Vorfeld hatte kleine Wunder bewirkt. Jetzt heißt es nur noch schnell essen und den Platz so fix wie möglich verlassen, bevor sich die Dinge im letzten Moment noch einmal anders entwickeln können. Nach einem Tankstopp kurz nach der Grenze können die 900 Kilometer quer durch Rumänien begonnen werden.

Noch ein kleiner Rekord . . .
Um 21:45 Uhr setzt sich der Konvoi auf Rumäniens Straßen in Bewegung.
Die Fahrschichten sind eingeteilt, Nasenbär übernimmt neben der Navigation
nun auch die wichtige Aufgabe, die Trucks vor Schlaglöchern und gefährlichen
Situationen zu warnen. So kann der Tross zügig und möglichst sicher
eine Strecke bewältigen, die Mensch und Material alles abverlangt.
Auch in diesem Jahr machen wir die Erfahrung, dass die kürzeste Distanz
nicht unbedingt die zeitlich optimalere Entscheidung ist. So erging
es auch dem Navi-Team-Mitglied Karl Kemper, der den Konvoi auf dem
kürzesten, aber nicht schnellsten Weg über die Karpaten schickt.
Immerhin eröffnet sich den Fahrern eine atemberaubende Landschaft.
Dennoch schafft es der Transport die Reststrecke in erstaunlich kurzer
Zeit zurückzulegen. In bester Stimmung fährt Enniger am Sonntag um
16:30 Uhr in Tulcea im Donaudelta ein. Ebenfalls Rekord!
Und hier die Fakten: Fahrtdauer insgesamt: 47 h 30 min; reine Fahrtzeit:
39 h; Kilometer insgesamt: 2370 Km
Und das alles unfallfrei - Gott sei Dank!

Meister der Improvisation
In Tulcea werden die Rumänienfahrer von unserem Ansprechpartner vor Ort vom Deutschen Forum, Richard Wagner, herzlich begrüßt und zu ihrer Unterkunft begleitet. Schon über Handy hatte er den "Roten Engeln" mitgeteilt, dass sie in diesem Jahr woanders ihr Basis-Camp errichten müssten. Der Ort liegt näher an der Stadt, hat sogar eine recht ansprechende Sanitär-Möglichkeit, ist aber eine nicht für sich abgeschlossene Einheit. Das Raumangebot ist für Zelte und Fahrzeuge ein wenig beengt. Dies und einige andere Umstände fordern das ganze Improvisationstalent gerade der Handwerker heraus. Schließlich steht das Camp vorbildlich und die erschöpften "Engel" überlassen sich dem Genuß an Chefkoch Andreas Spitthövers Menü. Ein Wermutstropfen an diesem Abend: die Spätschicht des Zolls sieht sich außerstande während ihres Dienstes unsere LKW zu entplomben.

Unfreiwillige Freischicht
Nach erholsamen Schlaf (schaukelfreier Schlafsack) wacht das Team
am Montag bei wunderschönem Wetter, aber bitterkaltem Wind auf. Obwohl
unsere Verpflegung in verplombten LKW lagert, schafft es der Chefkoch
aus den Resten ein klasse Frühstück zu zaubern. Alle sind ausgeschlafener
gestärkt, bereit und motiviert, es könnte losgehen, wenn nicht .
. .
Natürlich, der Zoll lässt uns warten. Selbst die Umstände, dass es
sich um einen humanitären Hilfsgüter-Konvoi handelt, die Fahrer 48
Stunden unterwegs waren, der Zeitplan für die Hilfsaktionen minutiös
geplant ist und alle Fahrer für dieses Projekt eigenen Urlaub einsetzen,
scheinen die hiesigen Zollbeamten nicht zu verlässlicher und zügiger
Abfertigung zu motivieren. Rumäniens langer Weg in die EU!
Das Team sitzt nun und wartet, schmeißt Organisationspläne um, hofft
dass die Beamten wenigsten am Mittag einmal vorbeischauen und vertreibt
sich die Zeit mit Geselligkeit. Prost!
Dennoch, der Optimismus ist gut und die eigene Motivation bleibt
ungebremst. Herzliche Grüße in die Heimat!
Tulcea, den 25. April 2005; 11:05 Uhr MESZ

Start mit Verzögerung
Schließlich kommen sie doch - die Beamten des rumänischen Zolls. Gegen zwölf Uhr fährt der Wagen an unserem Basiscamp vor. Der Beamte löst die Plombierungen der LKW, schaut sich die Güter an, wiegt bedenklich den Kopf und konfrontiert uns mit einer Fülle von Bedenken und Problemen. Am Ende besteht er darauf, uns zu unserer ersten Endladestation zu begleiten. Mittlerweile ist es 13 Uhr und der Konvoi fährt zur Lagerhalle des deutschen Forums im Hafen von Tulcea. Dort werden die Familienpakete und Lebensmittel für die Stiftung Beatrix mit flinken Händen und gutem Teamwork in die Halle gebracht. Der Zollbeamte prüft stichprobenartig und zeigt sich schließlich geneigt, nach eingehenden Verhandlungen die erforderlichen Bescheinigungen auszustellen. Die konkrete Hilfe kann nun endlich anrollen.

Ein Dorf auf den Beinen
Es ist fast so als ob man zu guten alten Bekanten kommt. Als wir
gegen 16:30 Uhr in Malcoci eintreffen, erwarten uns schon etliche
Dorfbewohner. Spannung und Vorfreude spiegeln sich in den aufgeregten
Stimmen der Kinder und Alten, der Jugendlichen und Frauen wider.
Die LKW werden vor der Dorfkirche positioniert, und die Verteilung
von den Helfern vorbereitet. In Malcoci sollen für über 400 Familien
Kleidungs- und Lebensmittelpakete verteilt werden. Das bedeutet für
die Roten Engel z.B., im schmalen Laderaum des Auflieges von den
Paletten alle Lebensmittel in Tüten aufzuteilen. Das Verteilen selbst
geht immer mit einigen Aufgeregtheiten einher. Keiner möchte vergessen
werden und der eine oder andere stellt sich gerne auch ein zweites
mal an. Dass alles seinen korrekten Verlauf nimmt, dafür sorgen unsere
rumänischen Mitarbeiter - in Malcoci sogar die Bürgermeisterin. Neben
der anstrengenden Arbeit gehen die Blicke der Rumänienfahrer immer
wieder in die Gesichter der Menschen. Und jeder denkt dabei wohl,
das sich alle Strapazen doch gelohnt haben. Um 22:30 Uhr haben wir
unser Tagewerk getan und kommen nicht umhin, der Einladung einiger
Dorfbewohner in die improvisierte Dorfkneipe zu folgen. Gerade Jugendliche
suchen das Gespräch mit uns und vermitteln uns dabei ganz unterschwellig,
man sei eine besondere Persönlichkeit. Um 0:00 Uhr erreichen wir
schließlich das Basiscamp, wo fix die erste warme Mahlzeit des Tages
zubereitet wird.
Die meisten "Engel" fallen nach dem Essen gegen 2:00 Uhr
todmüde in den Schlafsack.


Hilfe zur Selbsthilfe
Nach der Lösung der Zollprobleme, macht sich eine kleine Gruppe von fünf Rumänienfahrern auf den Weg, um nach Malcoci zu fahren. Dort wollen sie nicht Hilfsgüter verteilen, sondern sie fahren zum kleinen Haus des Forums, das von uns vor 2 Jahren errichtet worden ist. Wie freudig ist die Überraschung, als wir das Haus liebevoll gepflegt und eingerichtet vorfinden. Man sieht es dem Haus an, dass es rege benutzt wird. Unsere Aufgabe besteht nun darin, einen Kühl- und einen Lagercontainer aufzustellen. Beide sind von uns die lange Strecke von Enniger hierher gebracht worden. In Zukunft sollen sie dazu dienen Gerätschaften und Lebensmittel aufzubewahren. Gerade die Lebensmittel weisen auf unser besonderes Projekt in diesem Jahr hin: eine voll funktionsfähige kleine Bäckerei einzurichten. Dazu werden an diesem Nachmittag die Punktfundamente gegossen. Gleichzeitig wird begonnen, einen Raum zu verfliesen, in dem die Bäckerei aufgestellt wird. Unter tatkräftiger Hilfe rumänischer Mitarbeiter wird das Werk begonnen.

Das vergessene Dorf
Umpacken, so lautet das erste Kommando des neuen Tages. Für die Stationen in Baltini und Nufaru gilt es die LKW so umzuladen, dass alles für die Verteilung möglichst optimal steht. Dann geht es in das kleine Fischerdorf Baltini, das direkt an der Donau gelegen ist. Die landschaftliche Schönheit kann nicht über die unglaubliche Armut der Menschen hier hinweg täuschen. Bis vor zwei Monaten gab es noch nicht einmal einen präparierten Weg zu diesem Ort, weshalb wir es auch das "vergessene Dorf" nennen. Immerhin ist es dieses mal möglich, mit unserem LKW direkt zum Ortseingang zu fahren. Was zunächst als schwieriges, aber mögliches Manöver aussieht, entwickelt sich dann schnell zu einem wahren Drama. Als der LKW die planierte Schotterstrasse zum Dorf verlässt und er auf den kleinen Platz einbiegt, versinkt er schon ein wenig im Sand. Jedes Manöver lässt den LKW am abfallenden Gelände tiefer einsinken. Schließlich hat er sich komplett fest gefahren. Nun beginnen dramatische Augenblicke: Mit Hilfe der aufgeregten Dorfbewohner wird alles unternommen, um das Fahrzeug frei zu bekommen. Nichts gelingt. Schließlich wächst die Erkenntnis, dass dieses Problem nur mit Hilfe eines zusätzlichen Fahrzeugs gelöst werden kann. Die Dorfbewohner versuchen von außerhalb einen Traktor zu organisieren, da in Baltini selbst niemand so etwas besitzt. In der Zwischenzeit beginnen wir mit dem verteilen der freudigst entgegengenommenen Hilfsgüter. Hier geht alles sehr viel gelassener zu. Man kennt sich untereinander, und die Bewohner wissen, dass wir genug für jeden einzelnen haben. Gegenseitig hilft man sich, Kleidungspakete und Lebensmittel in die Häuser und Hütten zu tragen. Fast ist es ein bisschen wie Volksfest. Uns wird verraten, dass am kommenden Sonntag das orthodoxe Osterfest beginnt. Für die Menschen würde es in diesem Jahr ein besonderes werden. Immer wieder sind es besonders die Kinderaugen, die uns anrühren. Westi verteilt Schokolade und wird fast genötigt, dutzende Autogramme zu geben. Passend zum Ende der Verteilung kommt aus dem Nachbarort ein Traktor an. Zwar wird nun viel Staub aufgewirbelt, aber es gelingt uns jetzt, den LKW recht unspektakulär heraus zu ziehen. Leider hat uns dies eine Menge Zeit gekostet, dem Dorf aber Gesprächsstoff für viele Tage geliefert.


Bei Nacht und Regen
Erst um 16:30 Uhr erreichen wir Nufaru, das zweite Dorf auf unserem
Verteilungsplan. 450 Familien sind für Lebensmittel und Kleidung
vorgesehen. Bereits bei der Ankunft stehen viele auf dem Dorfplatz
und erwarten uns. Wir spüren hier ein etwas anderes Klima. Die Menschen
sind drängender und es herrscht die Sorge, zu kurz zu kommen. Entsprechend
schwierig gestaltet sich die Organisation der Verteilung. Was von
unserer Seite aus recht schnell gehen könnte (eingespielte Handgriffe,
klasse Team), dauert seine Zeit, da immer wieder diskutiert werden
muss. Allmählich merkt man den Rumänienfahrern Spuren der Erschöpfung
und Ermüdung an. Dennoch versuchen wir, allen Leuten bis zum Ende
die Hilfe zukommen zu lassen. Gegen 20 Uhr stoßen unsere Handwerker
aus Malcoci vom Fundamentieren und Fliesen zu uns. Problemlos fügen
sie sich in die Teams ein und schließen die Lücken. Die Verteilung
wird trotz einbrechender Nacht dank eigener "Flutlichtanlage" nicht
beendet. Als dann auch noch der Regen anfängt, wird es für alle noch
anstrengender. Aber die Menschen warten und geben nicht auf und so
hören auch wir nicht auf. Schließlich ist es 21:30 Uhr bis wir die
Heimkehr zum Lager antreten können. Wir freuen uns auf unser Abendessen
und eine schöne Dusche. Allerdings müssen beides auf sich waren lassen,
denn bei der Ankunft stellen wir fest, dass der Regen das Schlafzelt
trotz Dränageteppich geflutet hat. Einige Luftmatratzen, Schlafsäcke
und Kleidungsstücke sind durchnässt. Es hilft alles nichts, das Teamwork
wird fortgesetzt. Eine Gruppe kümmert sich um das Abendessen, eine
zweite um die nassen Gegenstände und eine dritte reinigt einen Auflieger
damit die Betroffenen für die Nacht evakuiert werden können. Schnell
fängt sich die Stimmung und die erste warme Mahlzeit des Tages ist
wieder ein Mitternachtsmenü.
Aber das wichtigste bleibt, das unsere Hilfe ankommt, wir sichtlich
Hilfe leisten können, das Team gesund und munter ist und die Stimmung
nicht besser sein könnte. In diesem Sinne grüßen wir alle in der
Heimat.
Tulcea, 27.04.2005 12.45 Uhr MEZ

Der Tag der Kinder
Unser letzter Aktionstag vor der Abreise steht im Zeichen des Schwerpunkts unserer Hilfe für Kinder in Rumänien. Zwei Kinderwaisenheime, eines für Säuglinge und ein Behindertenheim drücken diesen Schwerpunkt aus! Darüber hinaus werden auch das einzige Lepraheim Europas und ein Seniorenheim am Rande der Stadt angefahren. Dieser Tag wird wohl am meisten prägen und die tiefsten Eindrücke hinterlassen.

Verschlusssache Kind
Um die vielen Anlaufpunkte des Tages auch erreichen zu können, teilt sich das Team am frühen morgen auf. Hannes und Westi fahren nach Babadac. Dort wohnen die Kinder des in Isaccea aufgelösten Waisenbereichs, den wir in den vergangenen Jahren stehts angefahren haben. Die Stadt liegt ca. 50 km von Tulcea entfernt und das Waisenheim steht zum ersten mal auf unserer Projektliste. Als Hannes und Westi in Babadac ankommen werden sie daran errinnert, dass in Rumänien Kinderheime einfach anders aussehen als bei uns. Das Gebäude unterscheidet sich von außen im Grunde gar nicht von den anderen ringsumher. Immer wieder fallen die Gitter vor den Fenstern in den unteren Stockwerken auf. Die Tristesse und Lieblosigkeit des äußeren werden auf den ersten Blick im inneren nicht fortgesetzt. Die Räume, die uns gezeigt werden, sind sauber und gepflegt. Die Kinder machen einen natürlichen und unbefangenen Eindruck. Zu acht teilen sie sich einen großen Raum, was aber in Rumänien insgesamt anders als in Deutschland empfunden wird. Doch sind es gerade die Details, die uns aufmerken lassen und die Unterschiede drastisch vor Augen führen. So ist z. B. die Tür eines jeden Schlafraumes mit einem Riegel versehen. Während des Mittagsschlafes - und darum vermuten wir das auch zu den Nachtzeiten - werden die Kinder eingesperrt. Auch das Spielzimmer wirkt merkwürdig steril. Dennoch - die Kinder haben ein sehr natürliches und herzliches Verhältnis zu den Erziehern. Anders als bei uns scheinen hier Waisenheime immer noch mehr Verwahranstalten als Erziehungs- und Wohnorte zu sein. So fragwürdig die (fehlende?) Pädagogik zu sein scheint, so deutlich wird uns die Aufgabe, diesen Kindern Zeichen der Hilfe und des Wahrnehmens zu schenken. Den 55 Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis zwanzig Jahren hinterlassen wir Lebensmittel wobei z. B. die Trinkjoghurts schon sofortige genussvolle Freude auslösen. Den Höhepunkt bilden zweifelsfrei die selbst gestrickten Pullover, Socken und Handschuhe der Handarbeitsgruppe unseres Heimatvereines. Auf der Stelle werden die Sachen anprobiert und ausgetauscht. In diesen Momenten wissen wir, wie gut es ist, was so viele Menschen in Enniger tun.

Menschen am Rande
Eine Gesellschaft im Umbruch macht Gewinner und schafft Verlierer. Dies können wir an vielen Stellen in Rumänien unmittelbar erleben. Aufkommender Reichtum, deutliche Verbesserung in der Wirtschaft und Verschönerung von Gebäuden und Anlagen stechen genau so ins Auge wie die Verarmung und schlechte Lebensqualitäten eines nicht unerheblichen Teils der Bevölkerung. Uns wird klar, das der bevorstehende Aufschwung des Landes auch in Zukunft an vielen Menschen vorbei gehen wird. Zu einer dieser Gruppen gehören mittellose, sich selbst nicht helfen könnende Senioren. Eine andere Gruppe sind Menschen die krankheitsbedingt besonderer Pflege bedürfen. Sie sind wie die Menschen, die im letzten Abteil eines sehr langen Zuges sitzen. Bis der Ruck des Aufbruchs auch sie erreicht sind alle anderen Wagen bereits angefahren. So gilt unsere Unterstützung mit Kleidung und Lebensmitteln einem Seniorenheim in Tulcea und Europas letztem Lepraheim.

Mit singen und klatschen
Der andere Teil des Teams steuert das Behindertenwohnheim in mitten von Tulcea an. Es ist eine etwas herunter gekommene Wohngegend, die noch viel Resignation ausstrahlt. Das Gebäude ist ein armseliges unter vielen armseligen. Der Zuweg für unseren LKW ist äußerst schwierig. Bei der Verteilung der Hilfsgüter sind diskret zwei Sicherheitskräfte anwesend, die den neugierig näher kommenden Nachbarn und Roma klar machen, dass die Hilfe den behinderten Bewohnern des Heimes gilt. Die Verteilung verläuft zügig. Die Betreuer des Hauses und sogar einige Bewohner helfen kräftig mit. Die Lebensmittel werden eingelagert, die Kleiderpakete sortiert. In der Eingangshalle werden wir spontan von Gesängen und rhythmischem Klatschen der behinderten Menschen begleitet. Wir verteilen und klatschen mit. Am Ende dürfen wir noch eine besondere Gabe oben drauf legen: für jeden gibt es eine grüne Westfalia Kappe und ein von der Kleiderstube Ennigerloh gespendetes Sanitärpaket mit Handtuch und Kulturtasche. Diese Menschen und ihre Lebensumstände, die stille und einfache Freude darüber, dass sie wahrgenommen und beschenkt werden, rühren uns an und hinterlassen deutliche Spuren. Zum abschließenden, gemeinsamen Gruppenfoto zeigen sie stolz Kappe und Tasche! Bei einem Abschiedslied für uns verlassen wir das Wohnheim.

Leuchtende Augen und freudiges Gewusel
Schon in den vergangenen Jahren war uns das Kinderheim in Tulcea
ein Herzensanliegen. Das liegt zum einen an den Kindern selbst und
zum anderen auch daran, dass wir von der Leitung und Betreuung einen
ausgesprochenen positiven Eindruck haben. Im Grunde sind es zwei
Wohnheime die direkt nebeneinander liegen. In einem ersten Gebäudekomplex
werden Säuglinge und Babys bis zum Alter von drei Jahren gepflegt.
In dem unmittelbar daneben liegenden Heim leben die Kinder und Jungendlich
bis zu einem Alter von 20 Jahren. Man spürt, dass Erzieher und Kinder
einen guten Draht zu einander haben. Die Einrichtung ist einfach
und liebevoll gestaltet, die Atmosphäre ist lebendig. Schon bei unserer
Ankunft werden wir von einem kleinen "Rudel" aufgeregter
Kinder begrüßt. Schnell spricht sich unsere Anwesenheit herum. Binnen
kürzester Zeit herrscht aufgeregtes Gewusel um uns herum. Wir werden
gefragt, sollen Namen lernen und wiederholen, fotografieren und uns
als Opfer ihrer kleinen Streiche und Lustigkeiten zur Verfügung stellen.
Als wir beginnen, auszuräumen, recken sich viele kleine Hände zur
Hilfe entgegen. Jetzt müssen wir erst einmal das Chaos in umsichtige
Bahnen lenken. Die Kinder drängeln sich gerade zu auf. Jeder will
mithelfen, die vielen "Schätze" ins Haus zu tragen. Auch
hier werden Lebensmittel eingelagert, Kleiderpakete zur Sortierung
vorbereitet und Spielzeugpakete in den entsprechenden Räumen untergebracht.
Riesig freuen wir uns schon auf den Augenblick, wann wir die Süßigkeiten
unserer Sternsinger, die Kulturtaschen der Kleiderstube und die Westfaliakappen
verschenken dürfen. Zuvor machen wir nach dem anstrengenden Ausräumen
eine kurze Pause. Diese wird natürlich waidlich ausgenutzt. Wir werden
gezogen und gezupft, angesprungen und sogar liebevoll umarmt. Besonders
ein kleiner Junge, der schnell ins Herz geschlossen wird, hat es
uns angetan. Völlig selbstverständlich setzt er sich neben Dieter
Fiehe, guckt ihn vertrauensvoll an und kuschelt sich an ihn. Danach
geht er auch noch zu den anderen "roten Engeln" und umarmt
diese und quatscht mit einer Freude munter drauf los, dass wir zwar
nicht wissen, was er sagt, ihn aber dennoch verstehen. Unsere Herzen
gehen auf. Unbeschreiblich der Tumult, der entsteht als wir die Überraschungen
verteilen! Sebastian und Tobias müssen immer wieder in die Kulturtaschen
schauen, die ihnen stolz und aufgeregt entgegen gehalten werden.
Auch die anderen Mitglieder des Teams sind richtig gerührt. Zum Abschluss
dürfen wir noch zu den Babys ins Nachbarheim gehen. Auch hier entdecken
wir die uns mittlerweile vertraute liebevolle Pflege der Kleinsten.
Wir verteilen ein wenig Schokolade und baden in leuchtenden Kinderaugen.
Muss man mehr noch sagen...

Hilfe, die ankommt
Immer wieder sind es so viele Eindrücke die wir an einer Fahrt aus
Rumänien mit nach Hause nehmen. Nachdenkliches, Anrührendes, Wütend
machende Situationen, Unverständliches und Beschämendes sind davon
nur ein Teil. Der Aufwand und die Anstrengungen sind so groß, dass
wir uns auch stets fragen, was unsere Hilfe bewirkt und ob sie sich
lohnt. Der Ärger mit dem Zoll und viele Unzulänglichkeiten vor Ort
können einem da schon den Mut nehmen. Erleben wir aber, was passiert,
wenn wir unsere Hilfsgüter direkt in die Hände der Menschen legen,
wissen wir, dass es Sinnvoll ist, was wir tun - in einer gewissen
Weise vielleicht sogar notwendig. Auch wenn Rumänien 2007 in die
EU aufgenommen wird, viele Gelder in das Land fließen werden, werden
sie die Menschen, die wir erreichen, noch lange nicht berühren.
Darum versuchen wir, neben der Verteilung wohltätiger Hilfsgüter
vor allem auch die Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Am letzten Tag
können wir so auch die kleine Bäckerei in Malcoci einrichten. Sie
soll neben der ganz praktischen Ausrichtung eben auch ein Zeichen
der Ermutigung gegen die so tief sitzende Resignation sein. Wenn
wir dabei helfen können, dass Menschen selbstbewußt ihre wirtschaftliche
Situation verändern wollen und aus ihrer Schicksalsergebenheit erwachen,
hätten wir ein großes Ziel erreicht. Die Bewohner des Dorfes haben
gesehen, wie sich acht Leute ohne Eigennutz darum bemühen, Räume
herzurichten und mit ihren eigenen Händen einen 400kg Ofen abladen
- mit viel Schweiß und Anstrengung. Und genau dies regt ja auch sie
zum Nachdenken an und bleibt nicht ohne entsprechenden Eindruck.
Im gemeinsamen Arbeiten an der Entstehung der Bäckerei wächst ja
auch gegenseitiges Verstehen, und die Leute vor Ort begreifen, dass
wir nicht nur Krumen unseres Wohlstands abgeben wollen. Die Armut
vieler in dieser hintersten Gegend Rumäniens wird noch eine ganze
Reihe von Jahren bedrückend für nicht wenige Leute und mahnend für
uns sein. Von der Notwendigkeit weiterer Hilfe besonders im Donaudelta
sind wir nach unserem gerade auch kritisch hinterfragenden Aufenthalt
sehr überzeugt.

Zurück in eine andere Welt
Der Donnerstag steht ganz im Zeichen des Abschieds und Aufbruchs.
Während Dominik, Hannes und Günther zusammen nach Isaccea fahren,
um dem ehemaligen Waisenheim, das wir so viele Jahre unterstützt
haben, einen zufrieden stellenden "Kontrollbesuch" abstatten,
bauen die anderen des Teams das Basiscamp ab und machen die Fahrzeuge
für die Rückreise abfahrbereit. Schließlich verabschieden wir uns
von unseren Partnern vom Deutschen Forum um Richard Wagner herzlich,
mit der Zusicherung, gezielte Hilfe auch 2007 bereit zu stellen.
So trennen wir uns mit einem "Aufwidersehen".
Alle Fahrzeuge werden noch einmal aufgetankt und um 15:15 Uhr setzt
sich der Konvoi Richtung Heimat in Bewegung. Die Rückfahrt verläuft
bislang ohne Probleme. Um 15:35 Uhr des nächsten Tages erreichen
wir die ungarisch - rumänische Grenze. Nach nur einer Stunde Aufenthalt
werden wir komplikationsfrei durch gewunken. Die ungarisch - österreichische
Grenze überqueren wir gegen null Uhr. Mit Navigationshinweisen, einem
ungewöhnlichen Quizspiel und vieler Gespräche fahren wir sicher durch
die Nacht, um um 4:24 Uhr wieder in Deutschland zu sein. Gegen 09:30
Uhr unterbricht ein kurzes und einfaches Frühstück unsere Heimreise
am Rastplatz Rhön. Viele Handygespräche kündigen bereits unsere Ankunft
in Enniger an. Hoffentlich werden auch die letzten Kilometer unfallfrei
sein. Auf jeden Fall - wir freuen uns wieder nach Hause zu kommen.
Im Gepäck bringt jeder seine eigenen Gedanken, Bilder und Eindrücke
mit. Und insgeheim stellt jeder fest, das nicht nur seine Hilfe etwas
verändert hat, sondern das auch etwas in ihm verändert wurde.
Die A2 bei Gütersloh den 30. April 2005 13:15 MESZ